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| 100 Jahre Django Reinhardt – 100 Jahre Jazz Manouche
|  23. Januar 2010 – genau an diesem Tag vor 100 Jahren wurde Jean Baptiste „Django“ Reinhardt in Liberchies/Belgien geboren. Django Reinhardt war der erste wirklich europäische Beitrag zum sonst amerikanisch geprägten Jazz in den 30er und 40er Jahren des 20. Jahrhunderts. Und Django Reinhardt war ein wirkliches Gitarrengenie mit unglaublichen Fähigkeiten– Gründe genug seinen Geburtstag gebührend zu feiern:
Der Jazzclub NW e.V wird am Samstag, den 23. Januar, ein Geburtstags-Konzert mit Multimedia-Show im Steinhäuser Hof in Neustadt veranstalten. Dabei werden per Video/Audio-Dokumentation in drei Blöcken die wichtigsten Stationen aus dem Leben Django Reinhardts präsentiert. Und es wird natürlich reichlich Swing Musik serviert: Insgesamt 8 Musiker aus der Region und Frankreich werden Djangos Musik spielen. Mit dabei sind Bertrand Le Guillou, Frank Markus, Cornelius Winterstein und Jordan Weiss.
Als Zusatz-Schmankerl wird außerdem Deutschlands prominentester Gitarrenbauer Stefan Hahl seine Django-Reinhardt-Gitarrenmodelle ausstellen – für Gitarristen ein besonderer Leckerbissen!
Gibt es einen spezifischen europäischen Jazz? Während sich Experten schon über die bloße Berechtigung dieser Frage immer wieder trefflich in die Haare geraten, steht die Antwort darauf längst fest:
Django Reinhardt kreierte auf der Gitarre einen neuen Stil, der dem bis dato völlig unterentwickelten Selbstbewusstsein der Alten Welt gegenüber dem amerikanischen Swing-Mutterland entscheidend auf die Sprünge half. Die Menschen in Übersee hielten die schillernde Gestalt für einen Franzosen, tatsächlich war Django jedoch ein Roma. Genauer gesagt ein Manouche, Mitglied einer deutschstämmigen Zigeunersippe, die von Ort zu Ort zog, in Wohnwagen (Roulotte) und nach ihren eigenen Regeln lebte. Die Wertvorstellungen der bürgerlichen Gesellschaft waren ihr nahezu fremd.
Aus diesem besonderen sozialen Umfeld heraus entwickelte sich das Genie des Jean Baptiste "Django" Reinhardt. Seine Gier nach Freiheit drängte überall und zu jeder Zeit nach Entfaltung, schien an keine Stile gebunden und brachte gerade deshalb Improvisationen von konkurrenzloser Virtuosität hervor. Dieses Genie schenkte der Jazzlandschaft eine völlig untypische Figur, ein Naturphänomen mit absolutem Gehör und einem unerschöpflichen Reservoir an Melodien, dessen Musik sich kaum mit den gängigen, engen Normen des Jazz beschreiben ließ, sondern höchstens mit seinem eigenen Namen.
Django spielte Django und sonst gar nichts.
Dennoch hinterließ der "Drei-Finger-Zauberer" tiefe Spuren in der gesamten Jazzlandschaft. Sein fulminantes Oktavspiel etwa übernahm Wes Montgomery in den 60ern und erlangte damit Berühmtheit, und der Avantgardist Ornette Coleman pries die scheinbare Mühelosigkeit von Django Reinhardts spontaner Melodiebildung als "reine Musik, nicht nur Form". In der Fachbibel "The Jazz Guitar - Its Evolution And Its Players" steht Reinhardt als einziger Nicht-Amerikaner in der Rubrik "Wichtigste Neuerer". Der Pianist des Modern Jazz Quartet, John Lewis, setzte ihm 1953 unter dem Eindruck der Todesnachricht mit der Komposition "Django" ein musikalisches Denkmal. Selbst die stets kritischen Fachjournalisten beriefen ihn 1971 in die "Hall Of Fame" des Jazz. Seine Rolle als stilbildender Musiker war jedoch auch heftig umstritten. Jazz-Experten leugneten die Einflüsse des stolzen Roma oder schwächten sie ab.
Die Devise des Überfliegers lautete: alles oder nichts! Auf dieser Basis verhandelte er auch seine Auftrittsgagen hohe Wahnsinnssummen, die zuerst aus purer Naivität und später aus cleverer Berechnung entstanden. Können und Ruhm waren ihm offenbar zu Kopf gestiegen, versetzten ihn in den Glauben, er sei allen überlegen, er könne es mit jeder Situation aufnehmen. Diese Selbstsicht prägte auch sein Erscheinungsbild. Vom Scheitel bis zur Sohle ein modebewusster Schönling, liebte Django helle Anzüge, kostbare Seidenhalstücher und breitkrempige Hüte.
Als er 1946 ohne Gitarre und Gepäck in New York landete, ihn dort aber kaum jemand zur Kenntnis nahm, verstand er die Welt nicht mehr. Er, der epochale Künstler, hatte erwartet, mit Prunk und Gloria gefeiert und von US-Gitarrenbauern reich mit Instrumenten beschenkt zu werden. Stattdessen gab es reservierte bis negative Kritiken. Amerika verletzte Djangos sensible Seele zutiefst, es wurde zur größten Enttäuschung seines Lebens. Dass dieser majestätisch auftretende und doch so extrem sensible Musiker - überhaupt Karriere machen konnte, lag nur an einem Mann: Stephane Grappelli. 1932 lernte Django den Violinisten, der sich damals noch Grappely schrieb, im Pariser Club "Croix du Sud" kennen und schätzen. Beide gründeten zwei Jahre später das legendäre "Quintette du Hotclub de France" , das erste reine Saitenensemble der Jazzgeschichte, und feierten mit ihrer Mischung aus Swing, Musette und Zigeunerfolklore spektakuläre Erfolge.
Grappelli, der einzige Nicht-Roma, dem Django je Vertrauen schenkte, schrieb über seine Beziehung zu ihm: "Er war mein Freund. Immer wenn ein Gitarrist heute sein Instrument zur Hand nimmt, hat sein Spiel immer auch ein wenig von Django. Ich weiß es, ich höre es." Als Grappelli 1939 während einer Tournee in England blieb, verlor Reinhardt den Halt. In dieser dunklen Zeit komponierte er sein bekanntestes Werk: .Nuages", eine Ballade voller Sehnsucht und Träume. Beim Wiedersehen nach der Befreiung von Paris im 2. Weltkrieg fiel sich das ungleiche Duo weinend in die Arme und intonierte auf der Steile eine swingende Version der Marseillaise.
Fortan gab Django zusammen mit seiner heimlichen Vaterfigur wieder Konzerte, nahm hinreißende Platten auf, gewann die verloren geglaubte Gunst des Publikums zurück und versuchte sich den geänderten Bedürfnissen anzupassen, indem er elektrische Gitarren ausprobierte.
Doch der Zeitgeist drohte ihn langsam aber sicher zu verschlucken. Jüngere, intellektuelle Jazz-Musiker importierten den Bebop nach Frankreich. Django wusste um die Kraft und Bedeutung dieses revolutionären Stils, aber auch, dass er ihm nicht mehr gewachsen war. Er wirkte zunehmend depressiv, klagte über Schwere in den Fingern, zog sich aufs Land zurück, verlegte sich aufs Malen und Angeln. Er starb am 16. Mai 1953 mit nur 43 Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls.
Zu Djangos Beerdigung kamen mehr als 2000 Trauernde, Zigeuner wie Jazzmusiker, die spätestens an seinem Grab erkennen mussten, dass der umstrittene Luftikus für sie eine völlig neue Sprache erfunden hatte. Jazz in Europa: das ist heute eine völlig eigenständige, fantasievolle von überholten Konventionen weitgehend befreite Kunstform. Die Tür dazu hat Django Reinhardt geöffnet!
Copyright: gekürzter Text von Reinhard Köchl für die Zeitschrift SCALA/
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